facebookinstagramtwitter

Der agile Vogel kann mich mal?

Agil ist ein Buzzword

So weit, so wahr. Und die Ideen sind in Teilen weder neu noch besonders überraschend. Bahnbrechend ist agiles Arbeiten dennoch. Warum? Weil jede Unternehmenskultur agile Züge braucht. Das ist keine steile These. Ein agiles Mindset stärkt nachweislich die Bindung der Mitarbeiter*innen an das Unternehmen. Und die Gründe dafür sind ziemlich simpel. Jedoch sind sich viel zu wenige Unternehmer*innen dieser Tatsache bewusst.

 

Woher kommt die Anerkennung?

Die meisten Menschen, ungeachtet ihrer Generation, suchen nach Resonanz. Sie wollen beachtet und geachtet werden. Ihre Ideen sollen Gehör finden. Für ihre Arbeitsergebnisse wollen sie Feedback, wenn möglich konstruktiv. Wer nur Aufmerksamkeit bekommt, wenn er Fehler macht, zieht sich zurück. Und kündigt im schlimmsten Fall innerlich. Gerade Unternehmer*innen, die über fehlendes Personal lamentieren, sollten sich dessen bewusst sein. Womöglich sind auch einige schon auf dem Absprung, bei denen ihr euch in Sicherheit wiegt.

Wie hilft mir Agilität dabei, Mitarbeiter zu halten?

Ganz einfach: Feedbackprozesse sind ritualisiert. Regelmäßige, wertschätzende Rückmeldungen sind Teil der Arbeitsphilosophie. Sie tragen nicht nur dazu bei, dass die Arbeitsergebnisse permanent verbessert werden. Sie helfen auch, das Miteinander zu gestalten. (Selbst-)Reflexion ist ein wichtiger Wert in agilen Unternehmen. Mitarbeiter*innen werden gefragt, was sie benötigen, um besser arbeiten zu können. Und sie erhalten Informationen von ihren Kolleg*innen. Welche Persönlichkeiten arbeiten in meinem Team? Wie kann ich sie besser unterstützen? Welche Form der Kommunikation funktioniert? Und welche nicht? Retrospektiven und Reviews sind nur ein Bestandteil des agilen Workflows. Mitarbeiter*innen lernen sich gegenseitig besser kennen. Und das Feedback kommt nicht mehr nur von oben. Erfolge werden gefeiert und niemand verschweigt Fehler. Aber sie werden auch nicht abgestraft, sondern als Chance begriffen.

 

Warum arbeite ich hier?

Nicht alle können bei NGOs arbeiten. Und nicht jeder will es. Trotzdem: Eine sinnvolle Tätigkeit sucht jeder. Oder habt ihr schonmal jemanden sagen gehört: „Ich habe so richtig Bock auf einen nutzlosen Job“?
Und der Sinn kann darin liegen, am Ende des Tages ein Arbeitsergebnis zu sehen und sich als Teil dessen begreifen zu können. Wir alle sollten die Weltmeere entmüllen, uns um Hilfsbedürftige kümmern oder Kinder unterrichten. Es muss aber auch jemand die Jobs machen, die in puncto Sinnstiftung nicht ganz oben rangieren. Und auch diese Tätigkeiten können je nach Persönlichkeitsstruktur und eigenem Warum als sehr erfüllend empfunden werden. Grundlage ist jedoch, dass auch der Arbeitgeber etwas dafür tut. Nämlich selbst eine Vision hat, die Identifikationspotenzial bietet. Und zwar für alle Teammitglieder. Ein wohlklingendes Leitbild allein hat keinen Wert. Eine Vision muss motivieren. Und sie muss wertekongruent zum täglichen Arbeiten sein. „Stell dir eine Welt vor, in der jeder Mensch einen freien Anteil an der Gesamtheit des Wissens hat.“ Was wäre die Vision von Wikipedia ohne Transparenz, Mitbestimmungsrecht und kurze Entscheidungswege? Unternehmensidentität und Arbeitskultur müssen ineinandergreifen.
Corporate Social Responsibility ist sicherlich ein weiteres Stichwort. Vor zehn Jahren hatte die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen noch keine allzu große Relevanz. Zumindest in der breiten Öffentlichkeit. Heute ist das anders. Ich will wissen, was mein Arbeitgeber für mich und für andere tut. Und das auch außerhalb des primären Geschäftsfelds.

CSR funktioniert auch ohne ein agiles Mindset

Keine Frage. Moral und Anstand sind nicht zwangsläufig Ausdruck einer besonders offenen, mutigen und fokussierten Arbeitskultur. Aber im agilen Arbeiten kann die Corporate Social Responsibility eine Aufgabe aller Teammitglieder werden. Welchen guten Zweck wollen die Mitarbeiter*innen unterstützen? Gibt es Herzensprojekte, die in interdisziplinären Teams umgesetzt werden können? Zusammenarbeit am Arbeitsplatz ist meist darauf ausgerichtet, unmittelbaren Wert für das Unternehmen zu erzielen. Wir wissen aber, dass Menschen dann ihre Problemlösungskompetenz verbessern und neue Erfahrungen machen, wenn sie ohne wirtschaftlichen Druck arbeiten können. Von Co-Kreation in Sachen CSR profitieren am Ende also alle: Gesellschaft, Team und Unternehmer*in.
Und was ist mit einer Vision, die alle mittragen können? Ganz einfach: Sie entsteht nicht im stillen Kämmerlein. Und sie wird nicht in Stein gemeißelt. Stattdessen beteiligen sich alle an ihrer Entwicklung. Und sie darf sich verändern. Dafür sind jedoch Transparenz und partizipative Ansätze gefragt. Und wo könnten die eher Raum finden, als in einer agilen Unternehmenskultur?

 

Wohin will ich?

Menschen, vor allem die mit einem großen Wunsch nach Selbstverwirklichung, wollen sich weiterentwickeln. Dazu gehören auch Herausforderungen und Lernerfolge. Um meinen Weg zu erkennen, muss ich herausfinden, wer ich bin, mich ausprobieren und neuen Input erhalten. Und das gilt nicht nur für die vermeintlich aufregenden Jahre zwischen 20 und 30. Im besten Fall bin ich Teil einer Lernumgebung, die mich in allen Lebensphasen nach vorne bringt.

Stimmt nicht, denn manch einer will einfach nur seine Ruhe haben? Mag sein. Und niemand ist gezwungen, sich neu zu erfinden. Aber wer rastet, der rostet. Und das ewig Gleiche hat negative Auswirkungen auf unser Gehirn. Das beobachten wir nicht nur bei Senioren, von denen einige zu viel Zeit allein und in Routinen verbringen (müssen). Oft reichen auch schon kleine Erkenntnisse, anregende Gespräche und neue Reize. Aber wie viele davon hat ein Picker im Lager während der Arbeitszeit? Und wie oft wird die Versicherungskauffrau bei einer großen Gesellschaft gefragt, wohin sie im Leben möchte? Und ob ihr Job ihrem persönlichen Warum entspricht?

Klingt ganz schön esoterisch …

und hat auch nichts mit agilem Arbeiten zu tun? Ja und Nein. Agiles Arbeiten ermöglicht es, immer wieder neue Seiten an sich zu entdecken. Im Kleinen wie im Großen. In interdisziplinären Teams wird meine Expertise wertgeschätzt. Das kann besonders Mitarbeiter*innen beflügeln, die sich aufgrund ihres Alters auf das Abstellgleis versetzt fühlen. Und gleichzeitig fordern neue Arbeitsweisen mich heraus. Die ständige Konfrontation mit Kundenfeedback verlangt Flexibilität. Durch eine veränderte Rolle im Team ergeben sich Chancen auf Tätigkeitsfelder, die ich vielleicht nicht im Blick hatte.

 

„Also ich kenne agile Unternehmen, bei denen läuft das ganz anders. Nichts mit heile Welt.“

 

Erstens: Agiles Arbeiten ist kein Heilsbringer. Wenn die Führungskultur aus dem letzten Jahrtausend stammt, hilft auch kein einzelner Agile Coach aus der Misere. Es ist nicht ohne Grund die Rede vom agilen Mindset. Und das geht weit über die Anwendung von Scrum oder anderen Frameworks hinaus. Die Haltung zu verändern und einen angepassten Wertekanon zu verankern, kann Jahre dauern. Aber wer aufgibt, bevor er angefangen hat, kann nur verlieren.
Zweitens: Bitte keine Blaupausen. Ihr tut weder euch noch eurem Team einen Gefallen, wenn ihr Scrum zur einzigen Option erklärt. Oder von heute auf morgen alles anders werden muss. Radikalität um jeden Preis ist nie eine gute Idee. Das gilt auch für die Umstellung von Arbeitsweisen. Vielleicht hilft euch ein Projektboard, womöglich ein neuer Feedbackprozess. Bloß nichts überstürzen. Und vor allem: Gestaltet die Prozesse für die Menschen und mit ihnen gemeinsam.
Drittens: Oft versuchen Unternehmen es auf eigene Faust. Man kann aber nicht im System und gleichzeitig am System arbeiten. Berater*innen sind euch zu halbseiden oder zu teuer? Dann holt euch Unterstützung von Unternehmen, die in ihrer Transformation bereits weiter sind. Es ist keine Schande, um Hilfe zu bitten. Ganz im Gegenteil. Netzwerke aufzubauen, ist ebenfalls Teil der agilen Unternehmenskultur. Warum also nicht gleich zu Beginn damit starten?

Kategorien